Im Gespräch mit Reinhold Vetter

16.10.2026

Adam Michnik und das neue Polen: Das Porträt eines europäischen Vordenkers

Interview mit Reinhold Vetter zu seinem Werk

Zum 80. Geburtstag des polnischen Bürgerrechtlers und Publizisten Adam Michnik beleuchtet Reinhold Vetter Leben, Wirken und politischen Einfluss einer Schlüsselfigur des demokratischen Wandels in Polen.

Adam Michnik wird in Polen als eine der prägenden Persönlichkeiten der Opposition gegen den Kommunismus und des demokratischen Wandels von 1989 gesehen. Was macht ihn bis heute zu einer so bedeutenden Figur der polnischen Geschichte?

„Polen gehört heute zu den einflussreichsten Ländern in Europa. Deshalb lohnt sich ein Blick auf den Weg, den das Land seit dem Fall des Kommunismus im Jahr 1989 gegangen ist. Adam Michnik ist ein wichtiger Wegbereiter dieses neuen Polens. Schon in kommunistischen Zeiten plädierte er für eine parlamentarische Demokratie auf der Basis eines modernen Rechtsstaats sowie eine soziale Marktwirtschaft, also für ein politisches System, über das Polen heute verfügt. Nach 1989 trat er aber immer auch an die Öffentlichkeit, wenn diese Errungenschaften in Gefahr gerieten. Etwa dann, wenn die politische Rechte an der Macht war und der Dreiteilung der Staatsgewalt beträchtlichen Schaden zufügte. Die Rechtlosigkeit im Kommunismus hatte ihn besonders sensibel für solche Gefahren gemacht.“

Sie beschäftigen sich in Ihrem neuen Buch nicht nur mit dem politischen Weg Michniks, sondern auch mit seiner Rolle als Publizist und Vordenker. Wie hat Michnik die politische Debatte und die Medienlandschaft im heutigen Polen geprägt?

„Schon vor 1989 gehörte Michnik zu den Vordenkern der demokratischen Opposition. So plädierte er bereits in den späten 1970 Jahren für ein Bündnis der antikommunistischen Linken mit dialogbereiten Kräften der katholischen Kirche im Widerstand gegen den Kommunismus. Ebenso pochte er darauf, dass die Opposition nur gewaltfrei agieren dürfte. Bei den berühmten Verhandlungen am Runden Tisch im Frühjahr 1989, mit denen der Weg Polens in eine demokratische Zukunft eröffnet wurde, gehörte Michnik zu den wichtigsten Akteuren. Nach dem großen Erfolg der Opposition bei den Parlamentswahlen im Juni 1989 plädierte er erfolgreich für eine Regierungskoalition zwischen reformbereiten Kommunisten und Repräsentanten der Opposition. Als Mitglied des Parlaments setzte sich Michnik intensiv dafür ein, dass die von der Regierung unter Tadeusz Mazowiecki initiierten bahnbrechenden Reformen realisiert wurden.“

Michnik versteht sich als überzeugter Europäer und zugleich als stolzer Pole. Welche Bedeutung hat dieses Spannungsverhältnis für sein Denken – gerade angesichts der politischen Entwicklungen in Polen und Europas?

„Angesichts der zwangsweisen Zugehörigkeit Polens zu dem von Moskau gesteuerten Ostblock war Michnik schon vor 1989 Anhänger eines vereinten, freien Europas, in dem Polen Sitz und Stimme hat. So begrüßte er die Aufnahme des Landes in die Europäische Union im Jahr 2005. Schon der Beitritt zur Nato fand seine Zustimmung, weil er sich davon mehr Sicherheit gegenüber möglichen Aggressionen aus dem Osten, also Russlands versprach. Wiederholt plädierte er für Solidarität mit den bedrängten Demokraten in Russland, die Widerstand gegen das dortige System leisten. Gerade heute angesichts der globalen Krisen und der russischen Aggression gegen die Ukraine fordert Michnik eine Stärkung der EU durch wegweisende Reformen.“

Ihr Buch erscheint anlässlich des 80. Geburtstags von Adam Michnik. Was können Leserinnen und Leser von Ihrer Biografie erwarten – und warum lohnt es sich gerade heute, sich mit seinem Leben und seinen politischen Ideen auseinanderzusetzen?

„Wissenschaftler und Publizisten beklagen seit langem. dass die Kenntnisse der Bürger in unserem Land über unseren direkten Nachbarn im Osten und auch über andere Länder des östlichen Europas zu gering sind und nicht dem entsprechen, was wir bspw. über Italien, Frankreich, Griechenland und Spanien wissen. Insofern hoffe ich, dass ich mit meinem Buch über Adam Michnik einen bescheidenen Beitrag dazu leisten kann, dieses Manko etwas aufzuheben. Durch meine Beschäftigung mit Polen und dessen Geschichte habe ich viel über die historische Genese des heutigen Europas gelernt.“

Das Werk ist demnächst im Tectum Verlag erhältlich.